Sozialethiker: Atomkraft keine Brückentechnologie

München (KNA) Der Münchner katholische Sozialethiker Markus Vogt
sieht in der Atomkraft keine Brückentechnologie, sondern eine Sackgasse. Nuklearenergie führe eher «ins Gestern als in den nötigen Umbau», weil sie das Festhalten an überholten Strukturen befördere, sagte der Theologe der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag in München. Fukushima habe die Illusion einer völligen Sicherheit zerstört und die Folgen menschlichen Versagens beim Umgang mit der Kernkraft sichtbar werden lassen. Die Menschheit brauche eine «fehlerfreundliche Technik».

Vogt ist einer der Hauptredner der Anti-Atomkraft-Demonstration am Samstag in München. Einer seiner Studenten zählt zu den Hauptorganisatoren, die bis zu 100.000 Teilnehmer aus ganz Süddeutschland zu der Kundgebung auf dem Odeonsplatz erwarten.

Der Theologe sagte, durch die Reaktorkatastrophe in Japan ergebe sich kein neues Argument für die Debatte. Das Unglück werde sich aber «ins kollektive Gedächtnis einbrennen». Es helfe «uns zu realisieren, was wir längst hätten realisieren sollen». Politikern wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer Energieversorgung(CSU) bescheinigte Vogt großen Mut. Sie müssten nun bestärkt werden, an ihrer «überraschenden Kehrtwende» festzuhalten.

Der Ethiker mahnte zu einem grundlegenden Umbau der Energieversorgung. Es reiche nicht, nur den Stoff auszutauschen und die Marktmechanismen beim Alten zu lassen. Es sei auch keine Lösung, jetzt mehr Kohle zu verfeuern. Er plädierte für eine dezentrale Versorgung, etwa durch Geothermie, in Verbindung mit einer «Energiediät» für jeden Verbraucher. Die großen Konzerne müssten ihr Geschäftsmodell ändern und die Politik den Energiesektor ähnlich wie das Thema Geld und Arbeit als ordnungspolitische Grundaufgabe begreifen.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung sei «wieder da», stellte Vogt fest. Sie werde sich nicht nur als Gegenbewegung manifestieren, sondern auch für alternative Versorgungskonzepte eintreten. Viele Akteure seien durch ihren christlichen Glauben motiviert, auch wenn sie nicht unbedingt mit einem kirchlichen Etikett aufträten. Auch wenn sich die katholische Kirche im Ganzen bisher nicht so eindeutig positioniert habe wie die evangelische Kirche, sei doch die Skepsis gegenüber der Nuklearenergie in katholischen Kreisen seit den 1970er Jahren beständig gewachsen.

VERBREITUNG AM: 2011-03-25, 11:24