Keine Zukunft für die Kernenergie

Rede von Prof. Vogt auf der Anti-Atom-Demo am 26.3.2011

Ein klares Signal an die Politik. Bundesweit forderten heute mehr als 250.000 Menschen den Ausstieg aus der Atomkraft.  Allein auf dem Münchner Odeonsplatz versammelten sich nach Medienberichten rund 40.000 Atomkraftgegner. Auf der Rednerliste stand auch Prof. Markus Vogt vom Lehrstuhl christliche Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät an der LMU, der über den Verein für Nachhaltigkeit Mitglied im „Bündnis Nachhaltigkeit Bayern“ ist. Hier die Rede im Wortlaut.  


Keine Zukunft für die Kernenergie

Wir haben eben schweigend der Opfer der dreifachen Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall in Japan gedacht. Solidarische Erinnerung an Leid ist der Anfang der Umkehr.

Noch ist der Kampf gegen die drohende Havarie der Kraftwerke in Fukushima nicht gewonnen. Es ist ein verzweifelter Kampf, dessen Bilder weltweit ein Umdenken ausgelöst haben. Die Illusion der absoluten Sicherheit von Kernkraftwerken ist zerstört.

Dies hätten wir bereits vor 25 Jahren anhand von Tschernobyl lernen können. Technik, die fehlerlose Menschen voraussetzt, ist nicht verantwortbar. Auch in Deutschland gab und gibt es immer wieder Mängel und Störfälle.

Lange war die Frage der Kernenergie in der katholische Kirche umstritten. Nun hat die Konferenz der Bayerischen Bischöfe am vergangenen Donnerstag deutliche Worte gefunden: „Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat einmal mehr eindringlich die Grenzen der menschlichen Macht aufgezeigt. Das Restrisiko der Kernenergie ist unkalkulierbar, die Frage der Endlagerung ist ungeklärt und darf den nachfolgenden Generationen nicht aufgebürdet werden. Die bayerischen Bischöfe sehen in der Atomkraft keine dauerhafte Perspektive für die Energieversorgung. Der Ausstieg aus dieser Technologie muss so schnell als möglich vollzogen werden, die Phase des Einsatzes von Nuklearenergie als so genannte Brückentechnologie muss so kurz als möglich sein.“

In der ethischen Diskussion kommt dem Argument der Brückentechnologie eine entscheidende Funktion zu. Das Versprechen, die durch verlängerte Laufzeiten erzielten Gewinne konsequent für einen Umbau der Energieversorgung zu nutzen, wurde nicht erfüllt. Kernenergie verhindert eher nötigen Strukturveränderungen, damit erneuerbare Energien und das riesige Marktpotenzial der Energieeffizienz ihre Chancen entfalten können. Kernenergie ist keine Brücke in die Zukunft, sondern eine Brücke in die Energiestrukturen von gestern.

Das Zwischen- und Endlagerproblem der Kernenergie ist ungelöst. Es würde eine 10.000 Jahre stabile Gesellschaft voraussetzen, die verbrauchten Brennstäbe sicher zu lagern. Das kann niemand garantieren. Schon gar nicht, wenn wir in die Geschichte blicken. Kernenergie verstößt gegen das Prinzip der Vorsorge und gegen intergenerationelle Gerechtigkeit.

Das aktuelle Moratorium in der deutschen Atompolitik darf keine Eintagsfliege bleiben. Sie muss zu einer dauerhaft verlässlichen Strategie des Umbaus der Energiesysteme führen. Dabei ist die Mitwirkung aller gefragt. Denn nur wenn wir insgesamt weniger Energie verbrauchen, werden wir Versorgungsengpässe verhindern können. Diese Lücke dann mit Kohle zu füllen, ist aufgrund des Klimawandels keine ethisch tragfähige Alternative.

Kernenergie erscheint gegenwärtig vor allem deshalb attraktiv, weil sie von der großen Herausforderung eines Wandels des bisherigen Wohlstandsmodells ablenkt. Wir alle brauchen eine Energiediät. Das geht nur, wenn Struktur- und Verhaltensänderungen zusammen kommen. Ich plädiere für eine Fortsetzung unserer Demonstration durch Abstimmung mit den Füßen und durch Abstimmung am Stromschalter. Nutzen Sie ihre Marktmacht! Wechseln Sie  zu einem Anbieter von Öko-Strom oder achten Sie beim Kauf von Elektrogeräten auch auf deren Energieverbrauch. Und nicht zuletzt: Sparen Sie Energie, wo immer es Ihnen möglich ist.

„Energieeinsparung“ ist ein noch kaum entdecktes Innovationsfeld für die Wirtschaft. Effizienzorientierte Strategien sind billiger, wirksamer und konsensfähiger als das starre Festhalten an Kernenergie und die einseitige Fixierung auf Umsatzsteigerung. Bei dem sich abzeichnenden Wandel der Energieversorgung geht es nicht nur darum, den einen Energieträger durch einen anderen zu ersetzen, sondern es geht auch um neue Muster in der Art des Wirtschaftens, der Mobilität und der Siedlungsstrukturen. Wer sich rechtzeitig auf den Wandel zur postatomaren und postfossilen Gesellschaft einstellt, wird vielfältige Chancen haben.

Ich verstehe unsere heutige Demonstration als Ermutigung für die Bundesregierung und viele andere, die aktuelle Kehrtwende der deutschen Atompolitik nun auch glaubwürdig und dauerhaft zu vollziehen. Das Wort von Ministerpräsident Seehofer, dass es mit ihm keine Rückkehr zur alten Atompolitik geben wird, werden wir nicht vergessen. Wir brauchen eine verlässliche Politik.

Der Ausstieg aus der Kernenergie war schon vor Fukushima der mehrheitliche Wille der deutschen Bevölkerung. Jetzt ist er unumkehrbar. Am vergangenen Donnerstag wurde in München ein Bündnis Nachhaltigkeit Bayern gegründet, bei dem 19 Verbände mit zusammen über 150.000 Mitgliedern vertreten sind. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Zivilgesellschaft sehr wach die ethische Diskussion über die Energieversorgung in Bayern, Deutschland und weltweit beobachten wird.

Nur der Kurswechsel zu einer nachhaltigen Energieversorgung garantiert die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Der Atomausstiegsbeschluss im Jahr 2000 und das Erneuerbare Energien Gesetz waren hierfür wegweisend. Lassen Sie uns diesen Kurs unbeirrt fortsetzten!

Prof. Markus Vogt

LMU München,
 Lehrstuhl christliche Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät und Forschungsprofessur am Rachel Carson Center for Environment and Society,
Verein für Nachhaltigkeit